Hanke traf türkischen Verkehrsminister Uraloğlu
Mittlerer Korridor als wachsende Logistikroute und neues Luftverkehrsabkommen im Fokus
Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine hat die transeuropäischen Liefer- und Transportketten nachhaltig verändert. Der sogenannte Mittlere Korridor – die Trans-Caspian International Transport Route – hat sich dadurch von einer ergänzenden Handelsroute zu einer strategisch wichtigen Verkehrsachse zwischen Europa und Asien entwickelt. Das Transportvolumen des Mittleren Korridors hat sich seit Kriegsbeginn verachtfacht. Als eine Alternative zur Nordroute über Russland gewinnt der Korridor für die wirtschaftliche Resilienz Europas, die Diversifizierung von Lieferketten und die Versorgungssicherheit zunehmend an Bedeutung. Gleichzeitig eröffnet er neue Verbindungen zu den dynamisch wachsenden Märkten Zentralasiens. Vor diesem Hintergrund traf Bundesminister Peter Hanke im Rahmen des Staatsbesuchs in der Türkei den türkischen Verkehrs- und Infrastrukturminister Abdulkadir Uraloğlu. Im Mittelpunkt des Gesprächs standen die Weiterentwicklung des Mittleren Korridors, der Ausbau grenzüberschreitender Verkehrsinfrastruktur sowie die Vertiefung der bilateralen Zusammenarbeit im Bahn- und Güterverkehr.
„Gerade in geopolitisch herausfordernden Zeiten brauchen wir verlässliche und widerstandsfähige Verkehrsverbindungen. Der Mittlere Korridor stärkt die Versorgungssicherheit Europas, eröffnet neue wirtschaftliche Perspektiven und verbindet Regionen, die künftig noch enger zusammenarbeiten werden. Österreich bringt sich als leistungsfähige Verkehrsdrehscheibe in der Mitte Europas aktiv in diese Entwicklung ein. Gemeinsam mit der Türkei wollen wir den Ausbau moderner und effizienter Verkehrsachsen vorantreiben“, betonte Verkehrsminister Peter Hanke nach dem Gespräch.
Türkei ist über Mittleren Korridor zentrale Verbindung nach Asien
Die Türkei kommt beim Mittleren Korridor eine Schlüsselrolle zu. Als Schnittstelle zwischen Europa und Asien verfügt sie über leistungsfähige Bahn-, Straßen- und Hafeninfrastrukturen und bildet den wichtigsten Zugangspunkt des Korridors zum europäischen Verkehrsnetz. Österreich und die Türkei verbindet zudem seit vielen Jahren eine enge Zusammenarbeit im Schienengüterverkehr, insbesondere zwischen der ÖBB Rail Cargo Group und der türkischen Staatsbahn TCDD. Diese Kooperation bildet eine wesentliche Grundlage dafür, Warenströme aus Asien effizient nach Europa weiterzuleiten.
Im Austausch mit Minister Uraloğlu wurde deutlich, dass das Potenzial des Mittleren Korridors eng mit dem weiteren Ausbau der Infrastruktur entlang der gesamten Strecke verbunden ist. Derzeit bestehen insbesondere bei den Bahnverbindungen, den Häfen am Kaspischen Meer sowie bei Zoll- und Grenzprozessen noch erhebliche Kapazitäts- und Effizienzengpässe. Die Türkei unterstrich daher die Bedeutung koordinierter Investitionen, Hanke hob die Bedeutung der Digitalisierung logistischer Abläufe und einer engen internationalen Zusammenarbeit entlang der gesamten Route hervor.
Österreich verfolgt diese Entwicklungen mit großem Interesse. Als exportorientierte Volkswirtschaft und Verkehrsknotenpunkt im Herzen Europas profitiert Österreich von leistungsfähigen internationalen Transportverbindungen. Mit seinen gut ausgebauten Schienenachsen Richtung Südost- und Osteuropa sowie seiner zentralen Lage innerhalb der transeuropäischen Verkehrsnetze verfügt Österreich über ausgezeichnete Voraussetzungen, zusätzliche Güterströme aus dem Mittleren Korridor aufzunehmen und innerhalb Europas weiterzuverteilen.
Auch die operative Entwicklung bestätigt die wachsende Bedeutung des Korridors. Während die ÖBB Rail Cargo Group im Jahr 2024 lediglich einen Ganzzug über den Mittleren Korridor abwickelte, stieg das Transportvolumen 2025 bereits auf 32 Ganzzüge. Für 2026 wird ein weiterer Zuwachs von rund 20 Prozent erwartet. Gleichzeitig besteht weiterhin erhebliches Ausbaupotenzial: Der Mittlere Korridor verfügt derzeit über lediglich rund zehn Prozent der Kapazität des traditionellen Nordkorridors und ist noch mit infrastrukturellen Herausforderungen konfrontiert.
Minister Hanke und Minister Uraloğlu waren sich einig, dass moderne Verkehrsinfrastruktur weit über wirtschaftliche Aspekte hinausgeht. Leistungsfähige internationale Verkehrskorridore stärken die Stabilität globaler Lieferketten, fördern nachhaltigen Schienengüterverkehr und leisten einen wichtigen Beitrag zur wirtschaftlichen Resilienz Europas. Beide Minister bekräftigten daher ihren Willen, die Zusammenarbeit zwischen Österreich und der Türkei im Verkehrsbereich weiter zu vertiefen und den regelmäßigen politischen Austausch über gemeinsame Infrastruktur- und Logistikprojekte fortzusetzen.
Österreich will neues Luftverkehrsabkommen mit Türkei beschließen
Auch im Luftverkehr soll die bilaterale Zusammenarbeit weiter vertieft werden. Seit vergangenem Jahr wurde ein neues Luftverkehrsabkommen ausverhandelt, das nun vor dem Abschluss steht. Es schafft eine moderne, EU-rechtskonforme Rechtsgrundlage für den Flugverkehr zwischen beiden Ländern und soll damit langfristig Rechtssicherheit für Airlines sowie zusätzliche Möglichkeiten für Tourismus und Wirtschaft schaffen. Der Handlungsbedarf ist auch aufgrund der derzeit sehr unterschiedlichen Marktanteile deutlich: Im Sommerflugplan 2026 werden mehr als 200 wöchentliche Flüge zwischen Österreich und der Türkei von türkischen Airlines angeboten, während Austrian Airlines nur sechs wöchentliche Verbindungen durchführt.
„Unsere Beziehungen zur Türkei sind eng und vielfältig – und das gilt auch für den Luftverkehr. Mit dem neuen Luftverkehrsabkommen schaffen wir die notwendige Rechtssicherheit und öffnen den Weg für mehr Möglichkeiten für Unternehmen, Tourismus und Reisende. Jetzt geht es darum, auch die offenen Fragen bei den Kapazitäten rasch zu klären, damit beide Seiten von einem modernen und ausgewogenen Luftverkehrsrahmen profitieren können“, betonte Hanke.
Das neue Abkommen soll daher nicht nur EU-Rechtskonformität herstellen, sondern auch die Voraussetzungen für einen fairen und wettbewerbsfähigen Luftverkehrsmarkt schaffen. Ein wichtiger nächster Schritt ist aus österreichischer Sicht die zeitnahe Unterzeichnung des begleitenden Memorandum of Understanding, insbesondere die Festlegung angemessener Kapazitäten für beide Seiten.
Mittlerer Korridor
- 6.180 Kilometer multimodale Verkehrsachse zwischen China und Europa.
- 7 Staaten bzw. Akteure verbinden den Korridor: China, Kasachstan, Aserbaidschan, Georgien, Türkei und Europa.
- 4,1 Millionen Tonnen Güter wurden 2024 über den Korridor via Aktau und Kuryk transportiert (+63 % im Vergleich zu 2023)
- Das ist eine Verachtfachung seit dem Kriegsbeginn (2021: 500.000 Tonnen Güter)
- 11 Millionen Tonnen jährliches Transportvolumen werden bis 2030 prognostiziert.
- Rund 3 Wochen beträgt die Transportzeit zwischen China und Europa, traditionelle Routen haben eine Reisezeit von 5-6 Wochen.
- Derzeit erst stehen 10 % der Kapazität des Nordkorridors zur Verfügung.
- 32 Ganzzüge transportierte die ÖBB Rail Cargo Group 2025 über den Middle Corridor (2024: 1).
- +20 % Wachstum erwartet die ÖBB Rail Cargo Group für ihre Transporte über den Korridor im Jahr 2026.
- 10 Milliarden Euro will die Europäische Union über die Global-Gateway-Initiative in Verkehrsprojekte in Zentralasien investieren.