Insassenschutz: Unterschiede zwischen Frauen und Männern bei PKW‑Unfällen  Erkenntnisse des vom VSF geförderten Projekts DIVERSE

Das Projekt DIVERSE untersucht geschlechterspezifische Unterschiede im Insassenschutz bei PKW‑Unfällen in Österreich und liefert fundierte Hinweise darauf, dass Frauen unter vergleichbaren Unfallbedingungen ein höheres Verletzungsrisiko tragen als Männer.

Die Untersuchung wurde von der  TU Graz, Institut für Fahrzeugsicherheit (VSI) durchgeführt und aus Mitteln des Österreichischen Verkehrssicherheitsfonds (VSF) gefördert. Die Studie basiert auf einer umfassenden Analyse realer Unfalldaten sowie detaillierter Rekonstruktionen einzelner Unfallereignisse. Ziel war es, zu klären, ob moderne Fahrzeugsicherheitssysteme für Frauen und Männer in gleicher Weise Schutz bieten oder ob systematische Unterschiede bestehen.

Ergebnisse der Verkehrsunfallanalyse zeigen ein deutliches Bild

Frauen weisen ein signifikant höheres Verletzungsrisiko auf als Männer. Im untersuchten Zeitraum lag das durchschnittliche Verletzungsrisiko – unabhängig davon, ob es sich um leichte, schwere oder tödliche Verletzungen handelte – bei Frauen bei 89,6 %, während es bei Männern 56,5 % betrug.

Daraus ergibt sich ein etwa 1,6-fach höheres Risiko für Frauen, bei einem PKW-Unfall verletzt zu werden. Dieser Unterschied zeigt sich sowohl bei Fahrerinnen als auch bei Beifahrerinnen, tritt jedoch besonders deutlich in höheren Altersgruppen über 50 Jahren hervor. Betrachtet man schwere oder tödliche Verletzungen, verstärkt sich dieser Trend zusätzlich. In Unfällen, bei denen sich die Verletzungsschwere zwischen den beiden Insassen unterschied, war die Frau in fast der Hälfte der Fälle Beifahrerin, während männliche Lenker deutlich häufiger unverletzt blieben.

im Auto anschnallen mit einem Sicherheitsgurt, AdobeStock 318798977
Foto: adobestock - tuiphotoengineer

Insgesamt legen die Ergebnisse nahe, dass heutige Rückhaltesysteme nicht in allen Konstellationen eine gleichwertige Schutzwirkung für unterschiedliche Körperformen und typische Sitzpositionen gewährleisten. Unterschiede in Körpergröße, Körperproportionen, Knochenstruktur und Gewebeverteilung könnten ebenso eine Rolle spielen wie geschlechtsspezifische Sitzgewohnheiten. Besonders die Interaktion zwischen Sicherheitsgurt, Gurtkraftbegrenzer, Airbag und Sitzstruktur scheint entscheidend für das tatsächliche Verletzungsrisiko zu sein.

Aus den Ergebnissen ergeben sich klare Handlungsempfehlungen für die Weiterentwicklung der Fahrzeugsicherheit.

Details zur Untersuchung

Grundlage der Untersuchung war zunächst eine makroskopische Auswertung der österreichischen Verkehrsunfalldaten für den Zeitraum von 2012 bis 2024. Analysiert wurden insbesondere PKW-Unfälle, bei denen sich sowohl ein männlicher als auch ein weiblicher Insasse im Fahrzeug befanden. Ergänzend dazu erfolgte eine Tiefenanalyse von rekonstruierten Verkehrsunfällen aus der CEDATU-Datenbank der TU Graz (Central Database for In-Depth Accident Study). Für diese Detailuntersuchung wurden sechs Frontalunfälle ausgewählt, bei denen jeweils genau zwei Personen – ein Mann und eine Frau – im Fahrzeug saßen und die weibliche Person schwerer verletzt wurde, ohne dass ein offensichtlicher äußerer Grund für die unterschiedliche Verletzungsschwere erkennbar war. Diese Fälle wurden technisch rekonstruiert und anschließend simuliert, um biomechanische Belastungen und die Wirkung der Rückhaltesysteme genauer zu analysieren.

Die vertiefenden Analysen der CEDATU-Daten deuten darauf hin, dass Frauen bereits bei geringeren kollisionsbedingten Geschwindigkeitsänderungen schwere Verletzungen erleiden. Das bedeutet, dass sie bei vergleichbarer Unfallkonstellation eine höhere Verletzlichkeit aufweisen. Besonders betroffen sind dabei der Thoraxbereich, die Wirbelsäule sowie die oberen Extremitäten. Bei Frontalkollisionen zeigt sich zudem, dass Frauen auf dem Beifahrersitz überproportional häufig schwere Verletzungen davontragen. Obwohl einzelne Unterschiede nicht in allen Fällen statistisch signifikant sind, ergibt sich insgesamt ein konsistentes Muster, das auf strukturelle Unterschiede im Schutzniveau hinweist.

Die durchgeführten Simulationen der rekonstruierten Unfälle mit virtuellen Menschmodellen lieferten zusätzliche Erkenntnisse zu möglichen Ursachen dieser Unterschiede. Dabei zeigte sich, dass insbesondere die Sitzposition einen erheblichen Einfluss auf das Verletzungsrisiko hat. Schon geringfügige Veränderungen in der Sitzeinstellung, etwa im Abstand zum Armaturenbrett oder im Winkel der Rückenlehne, führten zu veränderten Belastungsmustern im Körpermodell. Auch die Auslegung der Gurtkraftbegrenzer spielte eine wesentliche Rolle. In mehreren Simulationen erwiesen sich die gewählten Kraftniveaus für weibliche Insassen als vergleichsweise hoch, was insbesondere im Thoraxbereich zu erhöhten Belastungen führte. Neben der Sitzposition und den Gurtkräften beeinflussten auch die Pulsdauer des Aufpralls sowie die kollisionsbedingte Geschwindigkeitsänderung das Verletzungsrisiko deutlich. Die Simulationsergebnisse konnten die in den Realunfällen beobachteten Verletzungsmuster teilweise reproduzieren, wenngleich insbesondere im Bereich der unteren Extremitäten weiterer methodischer Entwicklungsbedarf besteht.

Rückhaltesysteme sollten künftig robuster gegenüber unterschiedlichen Sitzpositionen ausgelegt werden und eine größere Bandbreite an Körperformen berücksichtigen. Adaptive Gurtkraftbegrenzer könnten dazu beitragen, Rückhaltekräfte individueller anzupassen und insbesondere die Belastung des Brustkorbs zu reduzieren. Zudem sollte in der Bewertung von Sicherheitssystemen stärker berücksichtigt werden, dass Insassen nicht immer in einer idealisierten Normsitzposition sitzen. Auch Aufklärungsmaßnahmen können einen Beitrag leisten, da beispielsweise eine zu weit nach hinten gestellte Sitzposition, eine stark zurück geneigte Rückenlehne, ein zu hoch anliegender Beckengurt oder dicke Kleidung wie Winterjacken die Schutzwirkung beeinträchtigen können.

Zusammenfassend zeigt das vom Österreichischen Verkehrssicherheitsfonds (VSF) geförderte Projekt DIVERSE, dass Frauen bei PKW-Unfällen einem höheren Verletzungsrisiko ausgesetzt sind als Männer und dass sie bereits bei geringeren Aufprallbelastungen schwerere Verletzungen erleiden können. Besonders betroffen sind Beifahrerinnen und ältere Frauen. Die Ergebnisse verdeutlichen die Notwendigkeit, Fahrzeugsicherheitssysteme differenzierter zu gestalten und biomechanische Unterschiede systematisch zu berücksichtigen. Ein gleichwertiger Insassenschutz für alle Verkehrsteilnehmenden erfordert eine kontinuierliche Weiterentwicklung technischer Systeme auf Basis realer Unfallanalysen und geschlechtersensibler Forschung.