Strategische öffentliche Beschaffung
Die „Made in Europe Declaration“
Öffentliche Beschaffung ist ein wichtiger Hebel, um den Wirtschafts- und Industriestandort Österreich und Europa zu stärken. Jährlich werden in Österreich Waren und Dienstleistungen sowie Bauleistungen im Umfang von rund 67 Milliarden Euro öffentlich beschafft. Dieses Volumen bietet große Chancen, Innovationen zu fördern, Wertschöpfung in Europa zu stärken und die Versorgungssicherheit langfristig zu verbessern.
Mit der Unterzeichnung der „Made in Europe“-Deklaration am 14. Oktober 2026 bekennen sich die Bundesregierung und staatsnahe Unternehmen dazu, öffentliche Beschaffung strategischer einzusetzen. Ziel ist es, die Wettbewerbsfähigkeit, Innovationskraft und technologische Leistungsfähigkeit Europas zu stärken und wirtschaftliche sowie technologische Abhängigkeiten zu reduzieren.
Dabei geht es nicht um eine Abschottung der Märkte. Im Mittelpunkt stehen faire Wettbewerbsbedingungen, europäische Wertschöpfung und ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Qualität, langfristigem Nutzen, Versorgungssicherheit und wirtschaftlicher Mittelverwendung - im Rahmen der geltenden rechtlichen Vorgaben.
Was bedeutet strategische öffentliche Beschaffung?
Strategische öffentliche Beschaffung berücksichtigt neben dem Anschaffungspreis auch weitere Faktoren, die für den langfristigen Nutzen einer Investition entscheidend sind. Dazu zählen insbesondere Qualität, Lebenszykluskosten, Innovationspotenzial, Versorgungssicherheit und die Widerstandsfähigkeit von Lieferketten.
Öffentliche Auftraggeber können damit dazu beitragen, Souveränität und Resilienz zu stärken, innovative Lösungen rascher in die Anwendung zu bringen, den Marktzugang für kleine und mittlere Unternehmen sowie Start-ups zu erleichtern und nachhaltige industrielle Wertschöpfung zu unterstützen.
Unterzeichnung der „Made in Europe Declaration“
Die Deklaration ist ein gemeinsames politisches Bekenntnis öffentlicher Auftraggeber und öffentlicher Unternehmen in Österreich.
Sie soll dazu beitragen, bestehende und künftige Handlungsspielräume einer strategischen Beschaffung aktiv zu nutzen – unter Berücksichtigung der jeweiligen rechtlichen Rahmenbedingungen und wirtschaftlichen Möglichkeiten.
Die Deklaration umfasst acht Leitlinien
- Europäische Wertschöpfung stärken – mehr europäische Wertschöpfung in der Beschaffung berücksichtigen.
- Qualität und langfristigen Nutzen stärken – Lebenszykluskosten und langfristige Wirtschaftlichkeit einbeziehen.
- Resilienz und Versorgungssicherheit stärken– strategische Abhängigkeiten reduzieren.
- Strategische Schlüsseltechnologien unterstützen – europäische Stärkefelder gezielt fördern.
- Innovationsfreundlich beschaffen – neue Lösungen rascher in die Anwendung bringen.
- Marktzugang für KMU erleichtern – Teilnahmechancen kleiner und mittlerer Unternehmen verbessern.
- Start-ups und Spin-offs einbinden – innovative Unternehmen als Anbieter stärker berücksichtigen.
- Know-how und Erfahrungsaustausch stärken – Wissen und gute Praxis in der öffentlichen Beschaffung verbreiten.
Die Umsetzung berücksichtigt offene Märkte, fairen Wettbewerb, verlässliche internationale Partner sowie die Grundsätze einer wirtschaftlichen, zweckmäßigen und sparsamen Mittelverwendung.
Die Bundesregierung verfolgt mit der Deklaration vier zentrale Handlungsfelder
Made in Europe soll als Leitprinzip bei öffentlichen Auftraggebern und staatsnahen Unternehmen im Rahmen der jeweiligen sektorspezifischen Vergaberegime gestärkt werden. Ein Aktionsplan für strategische öffentliche Beschaffung soll dazu beitragen.
Öffentliche Fördermittel sollen verstärkt Forschungs- und Produktionskapazitäten in Österreich und Europa unterstützen. Erste Schritte wurden mit dem europäischen Bonus bei der Photovoltaikförderung und Förderungen für Pilotanlagen in Schlüsseltechnologien gesetzt.
Bei öffentlichen Aufträgen sollen Qualität, Lebenszykluskosten und ökonomische Nachhaltigkeit stärker berücksichtigt werden. Angestrebt wird auch eine Begründungspflicht für nichteuropäische Beschaffungen.
Klare Regeln gegen Dumping und unfaire Subventionen, wirksame Investitionskontrolle und ein Vergaberahmen, der europäische Wertschöpfung stärkt, sollen faire Wettbewerbsbedingungen sicherstellen.
Statements zur strategischen Beschaffung und „Made in Europe Declaration“
Bundeskanzler Christian Stocker: „Wir müssen die wirtschaftlichen Stärken Europas selbstbewusster nutzen und dafür sorgen, dass die Milliarden, die wir jährlich investieren, auch unserer eigenen Wirtschaft zugutekommen und nicht in anderen Teilen der Welt Wachstum und Wohlstand finanzieren. Mit der 'Made in Europe'-Deklaration setzen wir gemeinsam mit den Unternehmen, an denen der Bund beteiligt ist, einen wichtigen Schritt, um heimische und europäische Wertschöpfung zu fördern, Arbeitsplätze zu sichern und strategische Abhängigkeiten zu reduzieren. Dabei geht es nicht darum, Europa von der Welt abzuschotten, sondern unsere eigenen Interessen stärker in den Vordergrund zu stellen. Denn nur ein wirtschaftlich erfolgreiches und eigenständiges Europa hat seine Zukunft selbst in der Hand.”
Infrastrukturminister Peter Hanke: „Unsere öffentlichen Infrastrukturinvestitionen sind nicht nur ein Motor für moderne Mobilität und Versorgungssicherheit, sondern auch ein wichtiger Auftraggeber für die heimische Wirtschaft. Mit Made in Europe wollen wir diese Investitionen noch stärker nutzen, um europäische Wertschöpfung, Innovation und Arbeitsplätze langfristig zu sichern sowie Unabhängigkeit und Resilienz der Wirtschaft zu stärken.”
Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmannsdorfer: „Österreichischer Wirtschaftspatriotismus ist unsere selbstbewusste Antwort auf die neue handelspolitische Weltordnung. Mit einer Beschaffung, die gezielt auf heimische Wertschöpfung setzt, sichern wir rot-weiß-rote Arbeitsplätze und stärken unseren Standort. Erstmals bekennen sich die Beteiligungen der Republik und staatsnahe Betriebe gemeinsam zu diesem Weg. Die 'Made in Europe'-Deklaration ist der erste konkrete Schritt für mehr Wirtschaftspatriotismus, der Arbeit und Wohlstand in Österreich sichert.”
Staatssekretär Sepp Schellhorn: „Eine strategische Beschaffung muss Qualität, Wirtschaftlichkeit und langfristigen Nutzen in den Mittelpunkt stellen, statt ausschließlich auf den billigsten Preis zu schauen. Entscheidend ist, dass wir europäische Wertschöpfung stärken, ohne neue bürokratische Hürden für Unternehmen und öffentliche Auftraggeber aufzubauen.”
Verbund-Vorstandsvorsitzender Michael Strugl: „Der Ausbau unserer Energieinfrastruktur ist eine zentrale Investition in die Zukunft des Wirtschaftsstandorts und in die Versorgungssicherheit Österreichs. Wo es wirtschaftlich und rechtlich möglich ist, wollen wir mit unseren Investitionen auch europäische Technologien, industrielle Wertschöpfung und leistungsfähige Lieferketten stärken.”
ÖBB-Vorständin Manuela Waldner: „Als einer der größten öffentlichen Auftraggeber Österreichs investieren die ÖBB laufend in eine moderne und leistungsfähige Bahninfrastruktur. Dabei sind Qualität, Innovation und langfristige Wirtschaftlichkeit entscheidend – und damit auch die Chancen, mit unseren Investitionen Wertschöpfung und Arbeitsplätze in Österreich und Europa zu stärken.”
ASFINAG Vorstand Hartwig Hufnagl: „1,9 Milliarden Euro Vergabevolumen pro Jahr sind für die ASFINAG weit mehr als eine Zahl. Sie stehen für Aufträge, Arbeitsplätze, Innovation und Wertschöpfung. Bereits heute gehen 99,8 Prozent unserer Vergaben an österreichische Unternehmen. Dabei setzen wir auf das qualitative Bestbieterprinzip. Denn die beste Lösung ist nicht immer die billigste. Qualität, Innovation und langfristige Wirtschaftlichkeit sind entscheidende Faktoren, wenn wir in die Infrastruktur von morgen investieren. Umso mehr freue ich mich, bei der Unterzeichnung der Made in Europe-Deklaration der Bundesregierung dabei gewesen zu sein. Die Initiative setzt ein wichtiges Signal: Öffentliche Investitionen sollen noch stärker dazu beitragen, europäische Wertschöpfung und Wettbewerbsfähigkeit zu stärken. Eine starke Infrastruktur braucht starke Partner. Und beides ist die Grundlage für einen erfolgreichen Wirtschaftsstandort Europa.”
viadonau-Geschäftsführer Hans-Peter Hasenbichler: „Als natürlicher Verkehrsträger ist die Donau nicht nur ein wichtiger Wirtschaftsfaktor für Österreich und halb Europa, sie ist zugleich ein einzigartiger Natur- und Erholungsraum und attraktiver Tourismusmagnet. Diesen Mehrwert gilt es ganzheitlich und integrativ zu stärken. Bei viadonau sind wir stolz darauf, mit unserer innovativen, zukunftsorientierten Entwicklungsstrategie moderne Infrastruktur, nachhaltige ökologische Verbesserungen und verlässlichen Hochwasserschutz erfolgreich zu verbinden und so mit Wasserstraßenverwaltung „made in Austria“ seit vielen Jahren eine Vorbildrolle für den gesamten Donauraum einzunehmen.”
Der Aktionsplan Strategische Öffentliche Beschaffung
Die österreichische Industriestrategie 2035 sieht mit Maßnahme 74 die Entwicklung eines Aktionsplans für strategische öffentliche Beschaffung vor. Dieser soll klare Ziele, Indikatoren und regelmäßige Fortschrittsberichte vorsehen. Das BMIMI, BMWET und BMEIA erarbeiten einen Aktionsplan für die Bundesebene. Dieser soll die strategische Ausrichtung der Beschaffung durch den Bund und seine Beteiligungen systematisch unterstützen.
Während die Deklaration ein breites politisches Bekenntnis für öffentliche Auftraggeber und öffentliche Unternehmen in Österreich darstellt, zeigt der Aktionsplan auf, wiedieses auf Bundesebene umgesetzt werden soll und welche Maßnahmen es hierfür braucht. Länder, Städte und Gemeinden sind eingeladen, sich an ihm zu orientieren.
Der Aktionsplan befindet sich derzeit in Ausarbeitung und Abstimmung.
Warum ist strategische Beschaffung wichtig?
Globale Lieferketten und internationale Abhängigkeiten können die Versorgung mit wichtigen Gütern und Technologien beeinträchtigen. Eine strategische Beschaffung kann dazu beitragen, Risiken zu verringern und die Widerstandsfähigkeit des Wirtschaftsstandorts zu erhöhen.
Der niedrigste Anschaffungspreis ist nicht immer die wirtschaftlichste Lösung. Neben den unmittelbaren Kosten sind auch Betrieb, Wartung, Lebensdauer und mögliche Folgekosten relevant.
Öffentliche Auftraggeber können durch ihre Nachfrage dazu beitragen, dass neue Technologien und innovative Produkte schneller eingesetzt werden. Referenzprojekte und verlässliche Nachfrage können Unternehmen dabei unterstützen, ihre Lösungen weiterzuentwickeln und am Markt zu etablieren.
Ein besserer Zugang zu öffentlichen Ausschreibungen kann insbesondere kleinen und mittleren Unternehmen sowie jungen innovativen Unternehmen neue Chancen eröffnen. Gleichzeitig sind fairer Wettbewerb und offene Märkte wichtige Voraussetzungen für eine leistungsfähige Beschaffung.
Die Unternehmen mit Bundesbeteiligung zählen zu den bedeutenden öffentlichen Beschaffern Österreichs. Insbesondere Infrastrukturunternehmen setzen mit ihren Investitionen wichtige wirtschaftliche Impulse und vergeben Aufträge entlang zahlreicher industrieller Wertschöpfungsketten.
Im Wirkungsbereich des BMIMI betrifft dies unter anderem die ÖBB, die ASFINAG und viadonau. Durch eine strategische Ausrichtung der Beschaffung können Infrastrukturinvestitionen neben der Erfüllung des jeweiligen Bedarfs auch zur Stärkung von Innovation, Wertschöpfung und Versorgungssicherheit beitragen.